Inhalt
Es gibt Videos, die wirken wie ein kräftiger Schluck Espresso um Mitternacht: wachmachend, bitter, mit ordentlichem Nachhall. Das neue Video von Prof. Dr. Christian Rieck gehört in diese Kategorie. Seine Diagnose ist eindeutig, sein Ton unmissverständlich: Die deutsche Regierung habe sich in den Verhandlungen zur Ukraine-Finanzierung von Frankreich über den Tisch ziehen lassen – und zwar grandios, systematisch und nahezu fahrlässig.

So weit, so wütend. Doch Wut ist noch keine Analyse.
BIP Deutschlands und Europas
Auflistung des BIP nach Ländern (absteigend) – Klicken
| Rang | Land | BIP in Mrd. € |
|---|---|---|
| 1 | Deutschland | 4.400 (≈ 23,6 % des EU-BIP) |
| 2 | Frankreich | 3.000 |
| 3 | Italien | 2.100 |
| 4 | Spanien | 1.500 |
| 5 | Niederlande | 1.000 |
| 6 | Polen | 750 |
| 7 | Schweden | 600 |
| 8 | Belgien | 600 |
| 9 | Irland | 550 |
| 10 | Österreich | 480 |
| 11 | Dänemark | 430 |
| 12 | Finnland | 300 |
| 13 | Rumänien | 300 |
| 14 | Tschechien | 290 |
| 15 | Portugal | 250 |
| 16 | Griechenland | 230 |
| 17 | Ungarn | 200 |
| 18 | Slowakei | 120 |
| 19 | Bulgarien | 100 |
| 20 | Kroatien | 80 |
| 21 | Litauen | 75 |
| 22 | Slowenien | 70 |
| 23 | Lettland | 45 |
| 24 | Estland | 40 |
| 25 | Zypern | 30 |
| 26 | Luxemburg | 85 |
| 27 | Malta | 20 |
Die EU als Ganzes besitzt ein Gesamt-BIP von rund 18–19 Billionen US-Dollar, womit sie eine der größten Volkswirtschaften weltweit ist.
Nach dem Ausscheiden Großbritanniens veränderten sich die BIP-Anteile deutlich:
| Land | Anteil EU-BIP vor Brexit (EU-28) | Anteil EU-BIP heute (EU-27) |
|---|---|---|
| Deutschland | ca. 21 % | ca. 24 % |
| Frankreich | ca. 15 % | ca. 17 % |
| Vereinigtes Königreich | ca. 16 % | – |
| Italien | ca. 12 % | ca. 12 % |
| Spanien | ca. 8 % | ca. 8 % |
| Niederlande | ca. 6 % | ca. 6 % |
Der Wegfall Großbritanniens ist kein Detail, sondern ein Strukturbruch. Deutschland rutscht von gut einem Fünftel auf fast ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung der EU. Frankreich gewinnt sichtbar an Gewicht. Italien und Spanien bleiben relativ stabil – werden aber politisch abhängiger von den beiden Großen.
Oder zugespitzt: Vor dem Brexit gab es drei Schwergewichte. Heute gibt es zwei – und eines davon ist deutlich schwerer als das andere.
Das erklärt, warum sich seit dem Brexit vieles »automatisch« deutschlandlastig anfühlt, ohne dass jemand offen darüber abgestimmt hätte. Der Schlüssel hat sich verschoben – nicht durch eine Entscheidung, sondern durch ein Verschwinden.
Rieck benennt wie so häufig reale Schwachstellen, und das muss man ihm lassen. Deutschland zahlt überproportional in den EU-Haushalt ein. Kunststück, wenn man das BIP Deutschlands (immer noch!) mit denen anderer EU-Staaten vergleicht. Dass dieser Unterschied nicht einmal angesprochen wird, ist für sich bereits etwas eigenartig. Finde ich jedenfalls.
Frankreich denkt strategischer, langfristiger, manchmal auch skrupelloser. Die Hoffnung, russisches Vermögen werde eines Tages großzügig zurückfließen, ist politisch bequem, aber äußerst fragwürdig. Damit liegt Rieck richtig.
Naive deutsche Regierung
Das Problem beginnt dort, wo aus diesen Punkten eine große Erzählung gezimmert wird: die Geschichte von der deutschen Unfähigkeit, von naiven Verhandlern, von einem Land, das angeblich nicht einmal seine eigenen Interessen erkennt. Hier verlässt Rieck den Boden der nüchternen Betrachtung und betritt die Bühne der Überzeichnung. Dass dies die typischen Kommentare von Verschwörungstheoretikern initiiert, ist wenig überraschend!

Politik ist kein Planspiel. Sie ist kein Seminarraum mit Whiteboard und klar definierten Rückfalloptionen. Sie ist ein Raum voller Zwänge, Abhängigkeiten und moralischer Festlegungen. Wer so tut, als ließe sich europäische Krisenpolitik mit spieltheoretischen Idealmodellen erklären, verwechselt analytische Eleganz mit realer Wirksamkeit.
Eurobonds und die Union
Besonders schief wird es bei der immer wieder bemühten These, Frankreich habe Deutschland »Eurobonds durch die Hintertür« aufgezwungen. Das klingt dramatisch, ist aber verkürzt. Gemeinschaftliche Schulden in einer geopolitischen Ausnahmesituation sind kein automatischer Einstieg in eine dauerhafte Schuldenunion. Wer das behauptet, muss erklären, warum frühere Kriseninstrumente nicht längst genau diesen Effekt hatten. Zudem erinnere ich an das Verhalten und die Zugeständnisse der vorvorletzten Regierungen, als es um die Stabilisierung des Euro ging. War das de facto nicht längst der Einstieg in Eurobonds und wurde dieser nicht damals ausgerechnet vom knallharten deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble getragen? Dass dies formal aus politischen Gründen nicht so genannt wurde, ist schon klar. Der Unterschied zu Eurobonds besteht aus diesen drei Elementen:
Erstens: die Zweckbindung.
Die Mittel waren an Krisen, Programme, Auflagen gebunden. Keine freie Verfügung, keine Blankoschecks.
Zweitens: die politische Erzählung.
Man sagte: Das ist einmalig. Temporär. Ausnahme. Notwehr.
Ein Eurobond hätte dagegen »Normalität« signalisiert – und genau das wollte man in Berlin vermeiden.
Drittens: die juristische Konstruktion.
Die Instrumente wurden so gebaut, dass man vor dem Bundesverfassungsgericht sagen konnte:
»Keine gesamtschuldnerische Haftung. Jeder nur anteilig. Alles sauber.«
Großer Schaden über die Schulden hinaus
Noch problematischer ist Riecks Fixierung auf den finanziellen Schaden. 90 Milliarden hier, Verteilungsschlüssel dort, Reputationsverluste bei Clearingstellen (Belgien). Alles nicht falsch – aber unvollständig. Die Ukraine ist kein Haushaltsrisiko, sie ist eine politische Zäsur. Europa handelt nicht nur als Gläubiger, sondern als Akteur in einer sicherheitspolitischen Zeitenwende. Wer diese Dimension ausblendet, reduziert Politik auf Buchhaltung.
Der Vorwurf der Dummheit schließlich ist der schwächste Punkt des gesamten Vortrags. Er ersetzt Erklärung durch Empörung. Die deutsche Regierung ist nicht brillant, aber sie ist auch nicht hirnlos. Sie ist vorsichtig, konfliktscheu, oft übermäßig kompromissbereit. Sie zahlt lieber, als offene Brüche zu riskieren. Das kann man kritisieren – und sollte es auch. Aber das ist etwas anderes als Inkompetenz.
Pauschaler Kritik ist das Ding mancher
Riecks Analyse lebt von der kalkulierten Zuspitzung, von der Suche nach dem eindeutig Schuldigen und von einem intellektuellen Überlegenheitsgestus, der eher beeindrucken als erklären will. Auf YouTube funktioniert das prächtig: Es erzeugt Empörung, schafft Gewissheit und sammelt Beifall. Aber genau dadurch verstellt es den Blick auf die entscheidende Frage, nämlich was unter realen politischen Bedingungen tatsächlich besser möglich gewesen wäre. Von solchen Kanälen gibt es inzwischen so viele, dass man weniger über ihre Thesen als über ihren Unterhaltungswert sprechen könnte.
Einfach keine Zukunft?
Ich bin kein Politikprofi, kein Stratege, kein Verhandler am grünen Tisch. Ich bin ein ganz normaler Bürger, der sich vielleicht etwas intensiver als der Durchschnitt mit Politik beschäftigt. Wenn ich solche Beiträge sehe, geht es mir zunächst wie vielen anderen auch: Man zuckt zusammen, denkt »Au Backe« – und fragt sich, was da eigentlich vor sich geht und ob dieses Land jemals wieder auf einen vernünftigen, tragfähigen Pfad zurückfinden wird. Genau in diesem Moment wirken solche Analysen besonders stark, weil sie ein Gefühl aufgreifen, das viele kennen: Verunsicherung, Zweifel, das leise Misstrauen, dass irgendetwas grundsätzlich schiefläuft – und nichts je wieder gut wird. Diese Botschaft ist verheerend. Vor allem, weil wir Deutschen so auf diese Art von Wahrsagungen abfahren.









Hier im Blog werden bei Abgabe von Kommentaren keine IP-Adressen gespeichert! Deine E-Mail-Adresse wird NIE veröffentlicht!